Als die Katzen verschwanden – Wie eine deutsche Auslandsschule ihren moralischen Kompass verlor
- p-h187
- 8. Sept.
- 3 Min. Lesezeit
Sie waren geimpft, kastriert, gepflegt, von vielen geliebt – und plötzlich verboten. An der offiziellen Deutschen Schule Jakarta in Indonesien führte ein Wechsel in der Schulleitung zu einem beispiellosen Glaubwürdigkeitsverlust deutscher Wertevermittlung im Ausland.
Es beginnt mit einem vertrauten Geräusch. Dem leisen Klappern von Futterschalen auf dem Pflaster vor dem Lehrerzimmer. Ein tägliches Ritual, das sich über Jahre eingebürgert hatte: Die Schulkatzen der Deutschen Schule Jakarta kamen zum Fressen. Weniger als 10 Tiere lebten dort zuletzt – friedlich, zutraulich, medizinisch versorgt, kastriert und geimpft. Mitarbeitende hatten sich um die bemittleidenswerten Straßenkatzen auf dem weitläufigen Schulgelände gekümmert und sie sogar teilweise in gute Hände vermittelt. Bezahlt wurde alles privat, größtenteils aus meiner eigenen Tasche – auch für die Zeit nach meinem Ausscheiden hatte ich die finanzielle Unterstützung zugesagt.
Die Katzen waren nicht nur geduldet, sie waren Teil des Alltags: Die Kinder kannten sie, gaben ihnen Namen, beobachteten ihr Verhalten. Die lokalen Mitarbeiter erfreuten sich an ihnen, besonders diejenigen, die 365 Tage im Jahr Tag und Nacht ihrer Pflicht für die Sicherheit auf dem Schulgelände erfüllten. Es war gelebte Bildung für nachhaltige Entwicklung und bescheidenes Zeichen gelebter Verantwortung – sichtbar, nahbar, einfühlsam. Und genau das war gewollt.
Doch am ersten Tag der Amtsübernahme durch die neue, kommissarische Schulleitung im Februar 2025 änderte sich die Situation schlagartig. Ohne Rücksprache wurde ein sofortiges Fütterungsverbot ausgesprochen. Die Begründung lautete: „Hygiene“ – eine Pauschalformel ohne nachgewiesene Beschwerden oder Vorfälle.
In den Tagen danach wurde klar: Das war keine bloße Verwaltungsmaßnahme, sondern der Auftakt einer systematischen Vertreibung. Die Anweisung an diejenigen, die sich vorher um die Katzen gekümmert hatten, lautete: Futterplätze entfernen, Wasserschalen einsammeln, Katzen irgendwie wegschaffen. Die Versorgung der Tiere kam abrupt zum Erliegen. Einige Katzen verschwanden innerhalb weniger Tage spurlos, auch durch missglückte, erzwungene “Adoptionen”. Und auch der “Rest” blieb unauffindbar – mit hoher Wahrscheinlichkeit Opfer der Aushungerung oder eingefangen und weggebracht.
Für viele Kolleginnen und Kollegen bedeutete das einen massiven Gewissenskonflikt. Indonesische Mitarbeitende, die aus kulturellen und beruflichen Gründen besonders vorsichtig agieren müssen, trauten sich nicht mehr, offen zu helfen. Einige fütterten heimlich weiter. Eine Grundschullehrerin, verantwortlich für Bildung für nachhaltige Entwicklung, reagierte bestürzt. Hausmeister versteckten ihre Haustiere aus Angst vor Repressalien. Offene Gespräche wurden abgeblockt, eine Diskussion im Kollegium nicht zugelassen.
Ich versuchte über Wochen hinweg, intern zu vermitteln. Ich bat um Gespräche, verwies auf die pädagogische Bedeutung, das ethische Dilemma, die Möglichkeiten einer kontrollierten Lösung. Doch selbst ein Treffen mit neuer Schulleitung und Schulvorstand Anfang April 2025 blieb ergebnislos. Wichtige Beteiligte – etwa die Kolleginnen, die sich täglich gekümmert hatten – wurden nicht eingeladen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Argumentation fand nicht statt. Die Entscheidung stand. Kritik galt als „Störung“, eine ethtische Verantwortung wurde negiert.
Eine kritische Google-Rezensionen – sachlich, nachvollziehbar, keineswegs polemisch, vielfach “geliked”, wurde zunächst öffentlich kritisiert. Anstatt inhaltlich darauf einzugehen, ließ die Schule dann kritische Rezensionen löschen. Nur fünf Sterne sollten bleiben.
Spätestens da wurde mir klar: Hier geht es nicht mehr nur um Tiere. Es geht um die Frage, ob eine deutsche Auslandsschule ihren eigenen Ansprüchen gerecht wird.
Die Deutsche Schule Jakarta ist eine offiziell anerkannte Deutsche Auslandsschule, die jährlich mit einem Millionenbetrag in Euro aus deutschen Steuergeldern gefördert wird. Sie steht unter der Aufsicht der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) sowie der Kultusministerkonferenz (KMK). Die Schirmherrin ist niemand Geringeres als die Deutsche Botschafterin in Indonesien.
Der Orientierungsrahmen Qualität für Deutsche Auslandsschulen formuliert einen klaren Bildungsanspruch: „Verantwortung für Mensch, Tier und Umwelt“, „Werteerziehung“, „Empathie“, „Partizipation“. Auch „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ gehört zu den verpflichtenden Bildungszielen. Das sind keine leeren Worte – oder sie sollten es nicht sein.
Selbst eine formelle Beschwerde an den Schulvorstand, ZfA, KMK und die Botschafterin durch die Vorsitzende des Bundesverbands Tierschutz e. V., Claudia Lotz, blieb wirkungslos. Das Schweigen war lauter als jede Entgegnung.
Dass NGOs wie Vier Pfoten und das Jakarta Animal Aid Network (JAAN) inzwischen eingeschaltet wurden, zeigt: Die Sache ist längst überregional von Bedeutung. Denn das eigentliche Problem ist strukturell: Wenn ausgerechnet deutsche Schulen im Ausland ethisch versagen, beschädigen sie die Glaubwürdigkeit der deutschen Wertevermittlung insgesamt – auch jener vieler NGOs, die in Indonesien unter oft schwierigen Bedingungen für Menschenrechte, Tierschutz oder Nachhaltigkeit kämpfen.
Ich selbst habe acht Jahre lang diese Schule geleitet. Ich bin überzeugt davon, dass deutsche Auslandsschulen unverzichtbar sind: als Brückenbauer, als Kulturvermittler, als Leuchttürme. Aber nur dann, wenn sie auch leuchten. Nicht, wenn ihre Vorstände handeln, als sei kein Unterschied zwischen dem Ehrenamt in einer Schule und dem in einer Wurstfabrik.
Es ist zu spät für die Katzen. Aber vielleicht nicht für die Einsicht.



Kommentare